
Breathwork: den Atem im therapeutischen Kontext nutzen
Was ist Breathwork?
Atemübungen sind in den letzten Jahren sehr populär geworden. Es gibt Apps, Workshops, Retreats und unzählige Anleitungen im Netz. Viele Menschen kommen mit dem ausdrücklichen Wunsch nach Breathwork in meine Praxis. Diesen Wunsch nehme ich ernst. Er bringt meist etwas Richtiges und Wichtiges mit, nämlich die Ahnung, dass Veränderung nicht nur über das Sprechen geschieht, sondern über den Körper.
Breathwork (Atemarbeit) bezeichnet gezielte Atemtechniken, die bewusst eingesetzt werden, um körperliche Anspannung, emotionales Erleben und Aufmerksamkeit zu beeinflussen. Die Atmung ist eine der wenigen Körperfunktionen, die automatisch abläuft und sich zugleich willentlich steuern lässt. Sie verändert sich mit unserem emotionalen Zustand, und diese Verbindung funktioniert in beide Richtungen.
Zwei unterschiedliche Anwendungen
In meiner Arbeit unterscheide ich klar zwischen zwei Einsatzbereichen. Diese Unterscheidung ist der Kern meines Vorgehens und folgt einer gemeinsamen Logik: Emotionen und Körperempfindungen sollen nicht weggeatmet, sondern erfahrbar und aushaltbar werden.
1. Im Therapieraum: Der Atem als Zugang zu Emotionen
In der Sitzung nutze ich Atemmuster nicht zur Beruhigung, sondern zur gezielten Aktivierung von Emotionen, und zwar ausschließlich im Rahmen einer angeleiteten Exposition (Embodiment, EAT).
Emotionen sind körperliche Vorgänge, bevor wir Worte für sie finden. Wer gelernt hat, belastendes Erleben auf Abstand zu halten, kann zwar oft ausführlich über schwierige Erfahrungen sprechen, spürt dabei aber fast nichts. Tiefe Verarbeitung braucht aber genau dieses Spüren. Bestimmte Atemmuster können, in einen spezifischen Kontext eingebettet, emotionales Erleben körperlich anstoßen und so einen Zugang öffnen, der über das Gespräch allein oft nicht zustande kommt.
Nach der Aktivierung folgt die eigentliche Arbeit, denn das aufsteigende Gefühl wird nicht sofort reguliert, weggeatmet oder beendet, sondern wir üben, ihm zu begegnen, es zu halten, zu benennen und zu verstehen. Das Ziel ist nicht, dass die Emotion schnell kleiner wird. Das Ziel ist, dass sie ihren Schrecken verliert, weil wir die Erfahrung machen, ihr gewachsen zu sein.
Diese Anwendung findet ausschließlich in der Sitzung statt. Gemeinsam steuern wir das Tempo, unterbrechen, wenn es zu viel wird, und ordnen den Prozess anschließend ein.
2. Zwischen den Sitzungen: Meditation
Als Übung für zu Hause gebe ich in aller Regel keine Atemtechnik mit, sondern Achtsamkeitsmeditation: das absichtslose Beobachten des Atems, ohne ihn zu bewerten oder zu verändern (Anapana).
Das ist keine Verlegenheitslösung, sondern eine bewusste Entscheidung, und sie basiert auf einem Grundprinzip moderner und wissenschaftlich fundierter Psychotherapie.
Viele psychische Belastungen entstehen nicht durch unangenehme Gefühle selbst, sondern durch den anhaltenden Versuch, sie loszuwerden. Dies wird in der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) als Erlebnisvermeidung (experiential avoidance) beschrieben. Man versucht, Anspannung wegzuatmen, Unruhe zu kontrollieren, Angst zu regulieren. Kurzfristig funktioniert das oft. Langfristig wird das Bedürfnis nach Kontrolle aber zum eigentlichen Problem. Befürchtete unangenehme Konsequenzen werden immer bedrohlicher, der Aufwand größer, der Handlungsspielraum enger. Der Kontrollversuch ist also oft nicht die Lösung, sondern das eigentliche Problem.
Und genau hier liegt das Risiko einer täglichen Atemtechnik. Sie kann unbemerkt zu einem Werkzeug der Vermeidung werden, zu etwas, das man einsetzt, damit ein Gefühl verschwindet. Dann trainiert man jeden Tag die Haltung, die man eigentlich verlassen möchte.
Das reine Beobachten des Atems trainiert die Gegenbewegung. Der Atem verändert sich ohnehin ständig von selbst, mal flach, mal tief, mal unruhig. Ihn wahrnehmen zu können, ohne ihn kontrollieren zu müssen, ist im Kleinen genau das, was Akzeptanz im Großen bedeutet. Wir üben eine annehmende Haltung gegenüber den Widrigkeiten und Unannehmlichkeiten des Lebens, die wir eben oft nicht endgültig vermeiden können. Nebenbei entsteht Abstand zu den eigenen Gedanken. Sie kommen und gehen, ohne dass man ihnen folgen muss. Und es gibt keinen Maßstab, an dem man scheitern könnte, kein „richtiges“ Atmen, das man verfehlt. Kein Nervensystem, das von uns reguliert werden muss. Es reguliert sich von allein, wenn wir es lassen. Gerade für Menschen, die ohnehin zu Selbstkritik und Selbstoptimierung neigen, ist das entscheidend.
Der Unterschied ist also nicht technischer, sondern grundsätzlicher Natur. Bei aktiven Atemtechniken steuern Sie Ihren Atem. In der Meditation lassen Sie ihn los. Für die tägliche Praxis halte ich Zweiteres für tragfähiger, und es bereitet zugleich das vor, was in der Sitzung gebraucht wird. Nämlich die Fähigkeit, einem inneren Zustand zu begegnen und ihn zu halten, ohne ihn sofort beenden zu müssen.
Welche Techniken kommen zum Einsatz?
Am besten wissenschaftlich untersucht ist langsames Atmen mit verlängerter Ausatmung, etwa sechs Atemzüge pro Minute. Daneben gibt es das physiologische Seufzen (cyclic sighing), Box Breathing sowie die Atemtechniken der Yogatradition, das Pranayama.
Wann ich von Breathwork abrate
Manche Menschen profitieren nicht von Atemübungen, für sie können sie sogar, wie oben bereits beschrieben, Teil des Problems werden.
Bei Panikstörung bin ich besonders zurückhaltend. Wer Angst vor Körperempfindungen hat, beobachtet den eigenen Atem ohnehin schon sehr genau. Eine beeinflussende Atemtechnik kann dann zu einem Sicherheitsverhalten werden. Man kontrolliert, ob man „richtig“ atmet, und genau dieses Kontrollieren hält die Angst aufrecht. Hier arbeite ich anders. Der Atem wird zum Gegenstand der Konfrontation, nicht zum Beruhigungsmittel.
Zurückhaltend bin ich außerdem bei ausgeprägten Dissoziationsneigungen, bei starker Körperbezogenheit von Ängsten sowie bei bestimmten körperlichen Vorerkrankungen. Das kläre ich immer im Vorfeld ab.
Breathwork in meiner Praxis in München
In meiner Praxis für Psychotherapie München und Coaching setze ich Atemtechniken als einen gezielten Baustein innerhalb des therapeutischen oder Coaching Prozesses ein. Welche Methode, ob und wann zum Einsatz kommt, ist abgestimmt auf Ihr Anliegen, Ihre Vorgeschichte und den jeweiligen Stand unserer gemeinsamen Arbeit.
Was Sie erwarten können:
- eine sorgfältige Klärung im Vorfeld, ob und in welcher Form Breathwork für Sie sinnvoll ist
- körperorientierte, emotionsaktivierende Arbeit (Embodiment, EAT) ausschließlich im begleiteten Setting
- eine tragfähige, langfristig wirksame Übung für zu Hause
- eine ehrliche Einschätzung dessen, was diese Methoden leisten können
Termine in der Praxis Psychotherapie München.
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Neben Präsenzterminen in meiner Praxis für Psychotherapie München Maxvorstadt biete ich auch Online Termine (Online Psychotherapie) an, die Sie entspannt von Zuhause per Smartphone, Laptop und Tablet wahrnehmen können. Um einen Erstgesprächtermin zu vereinbaren, können Sie sich gerne initial via Email an mich wenden und ich melde mich dann direkt bei Ihnen zurück.
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