
Beschäftigt, erfolgreich, und innerlich leer. Hochfunktionale Depression (HFD) verstehen
Depression, die nicht so aussieht
„Kommen Sie wieder, wenn gar nichts mehr geht.“ Im Kern ist das die Botschaft, die viele Menschen hören, wenn sie Symptome einer Depression haben, aber trotzdem noch funktionieren. Sie gehen zur Arbeit, zum Sport, halten jede deadline ein und leisten oft mehr als alle um sie herum. Auf dem Papier läuft es bestens. Innerlich fühlt sich alles irgendwie flach an, und sie können nicht erklären, warum. Die Psychiaterin und Wissenschaftlerin Dr. Judith Joseph hat dafür einen Namen: hochfunktionale Depression.
Wie äußert sich High Functional Depression?
Hochfunktionale Depression (englisch: High Functioning Depression, HFD) ist keine offizielle Diagnose, weder im DSM noch im ICD. Dr. Joseph hat die erste peer-reviewte klinische Studie dazu durchgeführt, nachdem ihr in ihrer Forschung eine Lücke aufgefallen war. Viele Menschen erfüllten die Symptomkriterien einer Major Depression, nicht aber die letzten beiden: Sie waren weder sichtbar belastet, noch hatten sie ihre Funktionsfähigkeit verloren. Im Gegenteil, viele funktionierten sogar über die Maßen. Nach Lehrbuch qualifizierten sie sich nicht für eine Depression und wurden unbehandelt nach Hause geschickt. In anderen Bereichen der Medizin steht längst die Prävention im Vordergrund. Dr. Joseph findet: Für die psychische Gesundheit sollte dasselbe gelten, und ich gebe ihr Recht.
Im Zentrum von HFD steht nur eines der Leit-Symptome einer klinischen Depression, aber es ist hochrelevant: Anhedonie, die verminderte Fähigkeit, Freude, Interesse und Genuss zu empfinden, gerade bei Dingen, die früher Freude gemacht haben. Für viele ist es schon eine Erleichterung, dieses Wort überhaupt kennenzulernen, es als Symptom zu begreifen. Was sich wie persönliches Versagen angefühlt hat („Warum kann ich nicht einfach glücklich sein?“), ist gut erforscht und hat Gründe.
„Busy“ sein als Bewältigungsstrategie
Nicht jeder, der viel zu tun hat, leidet. Viele Menschen lieben, was sie tun, und ein voller Kalender erfüllt sie. Menschen mit hochfunktionaler Depression sind auf eine andere Art beschäftigt. Sie können abends nicht abschalten, nehmen ein Nebenprojekt nach dem anderen an und räumen am Sonntag lieber den Keller auf, statt sich auszuruhen. Stillstand fühlt sich unangenehm unruhig oder leer an. Dr. Joseph nennt das „pathologisch produktiv“. Eng verwandt damit ist das, was oft als toxische Produktivität bezeichnet wird.
Ihre Hypothese: Viele dieser Menschen laufen vor unverarbeitetem Schmerz aus der Vergangenheit davon und glauben dabei, dem Glück hinterherzujagen.
Der Weg in die Anhedonie ist nicht immer derselbe. In ihrem Buch Dopamine Nation beschreibt die Psychiaterin Anna Lembke, wie die ständige Jagd nach Genuss irgendwann die Fähigkeit abstumpfen lässt, überhaupt noch etwas zu genießen. Hochfunktionale Depression kommt aus der entgegengesetzten Richtung: Man läuft vor dem Schmerz weg, statt dem Vergnügen hinterher. Beide Wege haben aber oft dieselbe Wurzel, nämlich einen Schmerz, den man zu lindern versucht, ob mit Substanzen, schnellen Belohnungen oder ständiger Beschäftigung.
Wie kommt das?
Dr. Josephs Forschung hat sich intensiv mit Trauma beschäftigt, und zwar mit bewusst erweitertem Blick. Klassische Definitionen wie die PTBS-Kriterien im DSM‑5 konzentrieren sich auf lebensbedrohliche Ereignisse. Viele schmerzhafte Erfahrungen fallen durch dieses Raster und bleiben unbeachtet. Ohne genug Essen oder Ressourcen aufzuwachsen, ausgegrenzt oder bedroht zu werden, weil man ist, wer man ist, oder kollektive und generationenübergreifende Traumata, die in Familien und Gemeinschaften weitergegeben werden, werden hier (noch) nicht erwähnt. Solche Erfahrungen prägen aber in hohem Maße, wie wir uns selbst sehen und wie wir uns in der Welt bewegen, oft ohne dass wir es merken.
Ein moderner Freude-Fresser
Mit dem biopsychosozialen Modell, das biologische, psychologische und soziale Aspekte gemeinsam betrachtet, wird in der Psychotherapieforschung nach unterschiedlichen beeinflussenden und aufrechterhaltenden Faktoren gesucht. Ein Faktor sticht dabei deutlich heraus: Technologie. Eine Studie aus dem Jahr 2025 von Forschenden der University of Texas at Austin und der University of Alberta, untersuchte die Auswirkungen auf Erwachsene, die zwei Wochen lang das mobile Internet auf ihren Smartphones komplett sperrten. Ihre Handys wurden damit im Grunde zu einfachen Telefonen: nur Anrufe und SMS. Die Mehrzahl der Teilnehmenden fühlten sich danach signifikant besser, und der Rückgang depressiver Symptome war größer, als viele Studien zu Antidepressiva berichten. Der wahrscheinliche Grund ist erstaunlich simpel. Ohne den ständigen Sog des Bildschirms verbrachten die Menschen mehr Zeit mit Dingen, die uns wirklich guttun: Hobbys, echten Gesprächen und Zeit in der Natur. Unsere smart phones rauben uns also ganz leise die kleinen Momente der Freude im Alltag.
Wie Therapie helfen kann
In der Glücksforschung wird Freude nicht als einzelnes Gefühl oder großer Meilenstein gemessen. Sie ist die Summe vieler kleiner „Freudenpunkte“: ausgeruht aufwachen, sich in einem Gespräch verbunden fühlen, ein Essen wirklich schmecken. Das ist eine hoffnungsvolle Sichtweise, denn so wird Glück erreichbar. Und genau hier setzt Therapie bei hochfunktionaler Depression an.
Viele Betroffene merken gar nicht, dass sie unter Anhedonie leiden, denn ihr Leben ist zu voll, um es zu bemerken. Vielen fällt es außerdem schwer, Gefühle überhaupt zu benennen (med. Alexithymie). Auf die Frage „Wie geht’s?“ lautet die Antwort immer: „Gut.“ Am Anfang geht es deshalb oft darum, Vertrauen aufzubauen und langsam wahrzunehmen, was eigentlich da ist. Danach kann Therapie zu einer Art Archäologie-Arbeit werden: Wann haben Sie zuletzt Freude empfunden? Wo waren Sie, und mit wem? Die Antworten zeigen oft, was unterwegs verloren gegangen ist und was sich zurückgewinnen lässt.
Ein zentraler Teil dieser Arbeit ist, wieder präsent zu werden, mit Achtsamkeit. Dr. Joseph arbeitet mit kurzen Grounding-Übungen, anfangs nur etwa fünf Minuten lang. Mit einer Tasse Tee in der Hand benennen Sie zum Beispiel fünf Dinge, die Sie sehen, vier, die Sie spüren, drei, die Sie hören, zwei, die Sie riechen, und eines, das Sie schmecken. Für diese paar Minuten treten das nächste Meeting und der Streit vom Vorabend in den Hintergrund. Mit etwas Übung lässt sich diese Aufmerksamkeit auf eine Mahlzeit übertragen, auf einen Spaziergang oder auf die Zeit mit einem Haustier oder einem geliebten Menschen. Das sind kleine Freuden, die die ganze Zeit da waren, aber in Hektik und Ablenkungsmodus nicht mehr richtig verarbeitet werden.
Außerdem beschreibt Dr. Joseph fünf Bausteine, ihre „5 V’s“, die sowohl bei der Genesung als auch bei der Vorbeugung helfen:
Validation (Anerkennen) heißt, die eigenen Gefühle ohne Urteil anzuerkennen: „Meine Freude ist wirklich gering“ statt „Immerhin habe ich ein Dach über dem Kopf.“ Es kann auch heißen, sich einzugestehen, dass etwas Schmerzhaftes passiert ist und einen vielleicht geprägt hat. Dankbarkeit hat ebenfalls ihren Platz, aber später: als Weg, die Heilung zu festigen, nicht als Ersatz dafür, Schmerz anzuerkennen.
Venting (sich Luft machen) heißt, auszudrücken, was man fühlt, ob im Gespräch, im Tagebuch, im Gebet oder durch Weinen. Das ist wichtig, weil man kaum Freude empfinden kann, solange man überfordert ist und andere Emotionen unterdrückt. Entscheidend ist, sich auf die richtige Art Luft zu machen. Suchen Sie sich ein, zwei Vertrauenspersonen, bei denen die Fürsorge in beide Richtungen fließt. Seien Sie sich im Klaren darüber, ob Sie eine Lösung suchen oder einfach gehört werden wollen. Und laden Sie nicht bei Menschen ab, die von Ihnen abhängig sind, etwa bei Ihren Kindern oder Mitarbeitenden.
Values (Werte) heißt, sich wieder mit dem zu verbinden, was dem eigenen Leben Sinn gibt. Viele erfolgreiche Menschen jagen jahrelang Dingen mit Preisschild hinterher und verlieren aus den Augen, was unbezahlbar ist. Für Dr. Joseph selbst war es, Menschen in ihrer Gemeinschaft zu helfen.
Vitals (Körper und Gehirn) heißt, gut für Körper und Gehirn zu sorgen. Dazu gehören Ernährung (die Ernährungspsychiatrie hebt etwa grünes Blattgemüse, Heidelbeeren und Nahrungsmittel mit Omega 3 vor, wie z.B. Leinsamen oder Algenöl) und ausreichend Bewegung, aber auch, das Gehirn vor Technologie zu schützen, mit ernsthaften Grenzen bei der Bildschirmzeit.
Vision (Vorfreude) heißt, Freude ganz bewusst in die Zukunft einzuplanen, damit es etwas gibt, worauf man sich wirklich freuen kann.
Fazit
Funktionieren ist nicht dasselbe wie sich wohlfühlen. Produktivität kann eine echte Stärke sein. Aber wenn sie zum wichtigsten Mittel wird, Schmerz auf Abstand zu halten, nimmt sie uns leise die Freude. Die gute Nachricht: Freude lässt sich wieder aufbauen, oft aus den kleinsten Momenten. Eine Tasse Tee, ein echtes Gespräch, ein Abend ohne Bildschirm. Und Sie müssen nicht warten, bis gar nichts mehr geht. Sich Unterstützung zu holen, solange noch alles „gut“ ist, ist keine Überreaktion. Es ist genau der richtige Zeitpunkt.
Quellen und weiterführende Literatur
Dieser Artikel stützt sich auf ein Gespräch mit der Psychiaterin und Forscherin Dr. Judith Joseph im Podcast Flourish FM(Folge 78). Ihr Buch High Functioning: Overcome Your Hidden Depression and Reclaim Your Joy (2025) vertieft diese Ideen, und auf ihrer Website finden Sie einen modernisierten Selbsttest zu Anhedonie. Wer mehr über Genuss, Schmerz und Sucht erfahren möchte, findet in Dr. Anna Lembkes Buch Dopamine Nation eine lohnende Ergänzung.
Die oben erwähnte Smartphone-Studie: Castelo, N., Kushlev, K., Ward, A. F., Esterman, M., & Reiner, P. B. (2025). Blocking mobile internet on smartphones improves sustained attention, mental health, and subjective well-being. PNAS Nexus. https://doi.org/10.1093/pnasnexus/pgaf017
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